Über Gefühle reden, Fehler einsehen. Für die meisten Leute selbstverständlich, nach traditionellen Verhaltensregeln der islamischen Bevölkerungsgruppe nahezu revolutionär.
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Freitag, 13. August 2010
Mittwoch, 4. August 2010
Drei Dinge über den Islam
Zufällig habe ich dieses Video entdeckt. Scheint gut recherchiert zu sein, auch, wenn es sehr alarmistisch wirkt. Trotzdem sind die angesprochenen Punkte Diskussionen wert:
Dienstag, 27. Juli 2010
Wer Verbrechen totschweigt, schadet den Migranten
Ein Gesetz, das für jeden gilt. Egal ob Migrant oder nicht.
Wer Verbrechen totschweigt, schadet den Migranten
Viele wohlmeinende Bürger relativieren Schwerstkriminalität vor allem unter Türken und Arabern. Diese Haltung ist verbohrt und gefährlich.
von Matthias Kamann
Einsatz nach einer Massenschlägerei in Berlin
Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, warnt, die Debatte um Kinderdealer und kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund undifferenziert zu führen. Bei elfjährigen Heroin-Kurieren und Intensivtätern mit arabischer Herkunft handele es sich nur um „absolute Ausnahmefälle“, die nicht verallgemeinert werden dürften. Das erinnert an Bischöfe, die angesichts der Missbrauchsskandale vor Pauschalkritik warnten und eine Kampagne gegen die Kirche witterten. Man kann auch an ostdeutsche Bürgermeister denken, die Berichte über Rechtsradikalismus für übertrieben halten.
Was zwingt Integrationspolitiker und generell viele Bürger mit wohlwollender Haltung gegenüber Einwanderern dazu, nach Enthüllungen über Schwerstkriminalität unter Migranten zu reden wie verbohrte Reaktionäre und uneinsichtige Beschwichtiger?
Warum werden, noch bevor der Schrecken betrachtet oder analysiert worden ist, gleich Salven der Relativierung und des Verdachts gegen vermeintliche Ausländerfeinde abgeschossen, wenn nun im Buch der verstorbenen Berliner Richterin Kirsten Heisig die Gewalttaten junger Migranten und die staatsfeindlichen Strategien ihre Familien beschrieben werden? Und warum wurden Kirsten Heisig bei ihrem Einsatz gegen Versäumnisse und Ausflüchte der Justiz, der Jugendämter und des Gesetzgebers immer wieder von „aufgeklärten“ Leuten Steine in den Weg gelegt?
Rücksicht auf Migranten kann der Antrieb solcher Verdrängung nicht sein. Denn es sind ja vor allem Migranten selbst, die unter Vergewaltigern, Schlägern und Räubern aus arabischen sowie einigen türkischen und kurdischen Gruppen leiden. Deutsche fallen denen nur selten zum Opfer.
Bedroht aber sind türkische Mädchen, die sich mit den Jung-Machos einließen und dann bei Trennungsabsichten schwer misshandelt werden, sind vietnamesische Viertklässler, die von Mitschülern verprügelt, sind italienische Busfahrer-Söhne, denen jedes Handy geraubt wird. Gerade also wer Migranten wohl will – zumal den unterprivilegierten in ärmlichen Stadtteilen –, muss gegen junge Kriminelle aus Migrantenfamilien vorgehen. Denn deren Tun ist exzessive Gewalt gegen Ausländer.
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Wo das verkannt und die Kritik an Gewaltstrukturen in einzelnen Migrantengruppen unausgesprochen bleiben soll, berührt sich die vermeintliche Ausländerfreundlichkeit mit der Xenophobie. Wie in dieser wird beim Beschwichtigen so getan, als gebe es „die“ Ausländer, wobei sich Xenophobiker und Verdränger nur darin unterscheiden, dass Erstere „den“ Migranten alles Üble zutrauen, Letztere hingegen nichts Übles.
Kritik nur am Ausland?
Wie sehr dabei die Zuwanderer entmündigt werden, wie sehr ihnen das Recht auf individuelle Würdigung und Rechtstaatlichkeit abgesprochen wird, zeigt sich beim Blick darauf, wie wir auf Missstände in deren Herkunftsländern reagieren. Lebhaft ermutigen wir Italiener, gegen die Mafia-Clans in ihrem Land vorzugehen, feuern wir Türkinnen an beim Kampf gegen patriarchalische Herrschaft und libanesische Nichtregierungsorganisationen beim Einsatz gegen gewalttätige Drogenkartelle von Jugendlichen. Wenn all das aber nach Deutschland gelangt, wenn sich hier mafiotische Clans, Frauenunterdrückung und Schlägerbanden breitmachen – soll dann die Kritik nicht geübt, soll dann nicht eingeschritten werden?
Es scheint, als hätten manche Leute die Globalisierung noch nicht begriffen, als meinten sie, dass Aufklärung und Kritik sich nach Ländergrenzen richten müssten. Jenseits der Grenzen – ja, da dürfen wir anprangern. Aber innerhalb unserer Grenzen, da soll man beschwichtigen. Als sei es für lernwillige türkische Kinder nicht egal, ob sie in ihrem Herkunftsland oder in Deutschland von Intensivtätern bedroht werden.
Dunkle Seiten aufklären
Es hat bis jetzt noch jeder Institution und sozialen Gemeinschaft gut getan, wenn ihre dunklen Seite aufgeklärt und Missstände abgestellt wurden. Kinderheime haben sich nach der Aufdeckung vieler Prügeleien regelrecht verwandelt, Kasernen wurden nach Berichten über Rekrutenmisshandlungen sicherer, deutsche Durchschnittsfamilien nach jahrzehntelangen Diskussionen über Gewalt und Männerherrschaft freundlicher, und in den Kirchen spricht alles dafür, dass die Debatte über Missbrauch nun ähnlich hilfreich ist.
Immer zwar gab es Leute, die das Gegenteil behaupteten, die von Diffamierung und Beschädigung der Institutionen oder Gruppen sprachen. Doch eingetreten ist stets das Gegenteil, es wurde besser. Warum sollten wir diese segensreiche Wirkung der Aufklärung den Migranten vorenthalten?
Welt
Sonntag, 6. Juni 2010
Muslime: Mehr Religiosität = mehr Gewaltbereitschaft
Muslime
Mehr Religiosität = mehr Gewaltbereitschaft
Eine Studie hat herausgefunden: Je religiöser islamische Migranten sind, umso weniger integriert und gewalttätig sind sie. Die Politik ist alarmiert.
Die Ergebnisse dürften erhebliche Diskussionen unter den Migranten in Deutschland und in ihren Verbänden auslösen – und zugleich Wasser auf die Mühlen von Islamkritikern sein. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellt deshalb vorsichtshalber klar: „Ich bringe nur Fakten an den Tag.“
2007 und 2008 befragten die Wissenschaftler um Pfeiffer rund 45.000 Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren. Sie wollten unter anderem herausfinden, welche Rolle die Religion im Leben der jungen Menschen, vor allem von Migranten, spielt. Das Resultat: Junge, männliche Muslime sind – im Gegensatz zu christlichen Jugendlichen – umso weniger integriert und umso gewalttätiger, je gläubiger sie sind.
Die höchste Gewalttäter-Quote gibt es demnach unter „sehr religiösen“ muslimischen Jugendlichen mit 23,5 Prozent, die niedrigste dagegen bei den „etwas religiösen“ mit 19,6 Prozent.
Bei evangelischen und katholischen Jugendlichen zeigte sich eine gegenläufige Tendenz: Christliche Gläubige begingen der Studie zufolge seltener jugendtypische Gewalttaten. Dies gelte gerade auch für christliche Zuwanderer, die meist aus Polen oder der Ex-Sowjetunion stammten.
So sinke bei jungen christlichen Migranten die Quote der Gewalttäter von 21,8 Prozent bei nichtreligiösen Jugendlichen auf 12,4 Prozent bei sehr religiösen Jugendlichen. Sehr religiöse türkische Migranten haben zudem nur zu 21,7 Prozent deutsche Freunde, besuchen nur zu 11,5 Prozent das Gymnasium und fühlen sich nur zu 14,5 Prozent als Deutsche, ergab die Studie – obwohl die befragten jungen Türken ganz überwiegend in Deutschland geboren seien.
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Bei nicht-religiösen türkischen Jugendlichen sieht es dagegen anders aus: Zu mehr als 43 Prozent sind sie mit deutschen Jugendlichen befreundet. Sie streben zu rund 22 Prozent das Abitur an, mehr als die Hälfte fühle sich als Deutsche.
Von der Deutlichkeit der Ergebnisse ist Pfeiffer selbst überrascht. Er geht davon aus, dass muslimische Geistliche eine Rolle spielen. Dabei stützt er sich auf Studien des türkischstämmigen Religionswissenschaftlers Rauf Ceylan, der das Selbstverständnis und die Arbeit türkischer Imame untersucht hat.
Die meisten der 2000 Imame in Deutschland sind demnach im Ausland geprägt worden. Die Mehrheit sei konservativ und sehr autoritär geprägt. Pfeiffer glaubt, dass sie entsprechende Werte an Jugendliche vermitteln.
Die neue niedersächsische Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) forderte am Wochenende bessere Integrationshilfen für Jungen aus Migrantenfamilien. „Wenn frühe Religiosität zu Jugendproblemen führt, brauchen wir Mechanismen, die früh eingreifen“, sagte die Ministerin: „Dann muss man beispielsweise in den Moscheen schauen, wie besonders Jugendliche auf dem festen Boden des Grundgesetzes ihre Religion ausüben können.“
Pfeiffer wiederum hält es für denkbar, dass die Befunde mit einem wachsenden Misstrauen von Deutschen gegenüber dem Islam seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zusammenhängen könnten und die Jugendlichen auf dieses Misstrauen reagieren. Junge Muslime, die sichtbar weniger religiös seien, würden wohl auch eher von Deutschen akzeptiert.
„Ich sage ausdrücklich, das ist kein Problem des Islam, sondern der Vermittlung des Islam“, betont Pfeiffer. Es müssten aber Konsequenzen gezogen werden. Pfeiffer fordert, dass Imame in Deutschland nur arbeiten dürfen, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen, Kenntnisse der deutschen Kultur haben und die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau akzeptieren.
Andernfalls müsse ihnen die Einreise ins Land verweigert werden. Pfeiffer sieht auch die muslimischen Gemeinden in der Pflicht. „Sie müssen selbst ein Interesse daran haben, Imame zu bekommen, die in Deutschland verankert sind.“
Welt
Sonntag, 18. April 2010
Kaddor: Gründung eines Vereins liberaler Muslime
„Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen“ Manchmal möchte Lamya Kaddor ihren Schülern am liebsten nur Sechsen geben.
Aber dann sagt sie sich: Zum Glück bin ich nicht im Ghetto aufgewachsen
Frau Kaddor, Sie sind gläubige Muslima, haben Islamwissenschaften studiert, unterrichten Islamkunde. Hier bei Ihnen in Duisburg wurde vergangenes Jahr die größte Moschee Deutschlands eingeweiht. Darüber haben Sie sich sicher sehr gefreut.
Na ja, ich gehe eigentlich nie in eine Moschee.
Bitte?
Mir passt vieles nicht, was da gepredigt wird – etwa, wenn es um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau geht. Fast immer spielt die Politik hinein: In der einen Moschee wird gegen Israel gewettert, in der anderen kriegen Sie die türkische Staatspolitik serviert. Auch die Art des Predigens, dieses ständige Ermahnen, gefällt mir nicht.
Sie gelten als Vordenkerin der liberalen Muslime in Deutschland. Viele Menschen bezweifeln, dass es das überhaupt gibt: liberale Muslime.
Und ob es die gibt! Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat. Nur glauben wir eben an den Islam.
Ihre Erfahrungen als Lehrerin an einer Hauptschule im Problemviertel Lohberg sind nicht dazu angetan, das Image des Islam zu verbessern. Ihre muslimischen Schüler haben schlechte Noten, hängen einem altertümlichen Ehrbegriff an, sind oft gewalttätig.
Diese Probleme haben nichts mit der Religion, sondern mit der sozialen Herkunft zu tun. Sie betreffen auch viele der deutschstämmigen Jugendlichen. Meine muslimischen Schüler sind auch gar nicht religiös, sie behaupten das nur, um sich abzugrenzen. Die meisten sind Deutschtürken: In Deutschland werden sie nicht als Deutsche, in der Türkei nicht als Türken akzeptiert. Also bleibt die Religion als Identitätsfaktor. Im Islam ist es einfach, dazuzugehören. Sie müssen keine besonderen Vorleistungen erbringen, um die Religion für sich anzunehmen. Trotzdem wissen meine Schüler so gut wie nichts darüber.
Sie schreiben, einige Ihrer Schüler seien entsetzt gewesen, dass Sie kein Kopftuch tragen.
Ja, für viele der Mädchen gehört das Kopftuch einfach dazu, wie bei anderen die offenen, langen blonden Haare – es geht dabei nicht um religiösen Zwang oder ein politisches Symbol. Keine Einzige konnte mir bislang erklären, warum sie es trägt. Sie sagen: Das steht im Koran. Dann frage ich: Wo denn? Antwort: Das weiß doch jeder, dass das da drin steht! Ich selbst halte das Kopftuch hier im Deutschland des 21. Jahrhunderts einfach für unzeitgemäß. Im 7. Jahrhundert, als Mohammed den Koran empfangen hat, war man ohne das Tuch angreifbar, fast vogelfrei. Diese Schutzfunktion braucht es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr, da mich Recht und Gesetz schützen. Ob ich meine Haare zeige oder nicht, ist völlig egal. Ich habe natürlich nichts dagegen, dass jemand Kopftuch trägt, aber ich finde, man sollte wissen, warum.
Sie wollen, dass sich Ihre Schüler kritischer mit der Religion auseinandersetzen?
Genau, kritisch im Sinne von Hinterfragen. Ich frage sie auch: Gibt es Gott? Da sagen die: Um Himmels Willen, so was darf man nicht fragen! Aber sie lassen sich dann doch darauf ein. Umgekehrt nehme ich sie ernst mit ihren Problemen. Wenn ein Junge sagt: Meine Freundin ist schwanger, was soll ich machen? Oder: Mein Vater will eine zweite Frau heiraten, was soll ich tun?
Und was sagen Sie dann?
Wenn man den Koran traditionell auslegt, dann ist die Vielehe zumindest religiös gesehen möglich. Ich erkläre ihnen aber auch, dass ich das nicht gut finde, dass das viel Leid und Verletzungen für die Frauen wie für die Männer bedeutet.
Erwarten die Jungs an Ihrer Schule wirklich, dass ihre künftige Frau als Jungfrau in die Ehe geht?
Teilweise schon, weil sonst die Familienehre beschmutzt ist. Sich selbst nehmen sie aber aus. Bei all dem berufen sie sich auf den Koran – dabei müssen, wenn man dem Koran folgt, beide Geschlechter keusch in die Ehe gehen. Ich mache das konfrontativ im Unterricht: Ich nehme mir jemanden heraus, von dem ich weiß, er hat eine Freundin. Dann erzählt der, wie lange sie schon zusammen sind. Ich frage: Dürfte das deine Schwester auch? Antwort: Nein, wer soll sie denn heiraten, wenn sie keine Jungfrau ist? – Ach, du würdest keine Frau heiraten, die keine Jungfrau mehr ist? – Nö. – Und warum bist du keine Jungfrau mehr?
Wie reagieren dann die Mädchen?
Die freuen sich. Sie wissen ja, dass die meisten männlichen Klassenkameraden Freundinnen haben. Die Mädchen haben auch Freunde, aber im Geheimen. Deshalb sagen sie nichts. Was die Mädchen am meisten ärgert, sind die Jungs, die hinter ihnen herschnüffeln. Eine Schülerin war mit ihrem Freund mal in Oberhausen und wurde dort von einem aus Duisburg gesehen. Der hat das sofort weitergetragen.
Warum begehren die Jugendlichen nicht gegen diese überkommenen Traditionen auf?
Weil sie gar nicht in der Lage sind, zu hinterfragen. Ihnen fehlt es an Bildung.
Oder trauen sie es sich nicht, weil es in den Familien sehr autoritär zugeht?
Bei den meisten gibt es gar keine Autorität. Die Mutter ist überfordert, der Vater schlägt zu oder ist abwesend, weil er arbeitet oder in einer Teestube rumsitzt. Bei unseren deutschstämmigen Schülern sieht es zu Hause nicht besser aus. Die Jugendlichen können sich dann auch nicht anders wehren als durch schreien und schlagen. Morgens sind viele schon so aggressiv aufgeladen, dass man ihnen am liebsten lauter Sechsen geben würde. Die Ehrgeizigen werden gemobbt oder leben in ihrer eigenen Welt. Kaum einer meiner Schüler hat jemals von seinem Vater gesagt bekommen: Ich habe dich lieb. Zuwendung bekommen sie höchstens von der Mutter. Ich habe sie mal gefragt: Findet ihr das nicht komisch? Das ist denen auch aufgefallen, dass das komisch ist.
Warum haben Sie selbst sich so anders entwickelt als viele Ihrer Schüler?
Ich bin in Ahlen in Westfalen aufgewachsen, zunächst in einer Bergmannssiedlung. Als ich acht Jahre alt war, sind wir in einen Stadtteil gezogen, wo es eine gute Schule gab. Das war mein Glück, so bin ich nicht in einem Ghetto aufgewachsen wie viele meiner Schüler. Alle um sie herum sind so wie sie. Keiner ist klüger, ehrgeiziger. Alle leben in den Tag hinein. Meine Eltern kommen aus Syrien, aus dem städtischen Umfeld. Sie sind auch schulisch ungebildet. Aber Disziplin, sich bilden – das war ein großer Wert bei uns. Ich wurde immer gefragt, wie die Klausur gelaufen ist, meine Mutter war hinterher, dass ich Hausaufgaben mache, auch wenn sie inhaltlich nichts verstanden hat. Und doch habe auch ich oft das Gefühl, nicht dazuzugehören. Seit dem 11. September 2001 wird man als Muslim sehr anders angesehen.
Wie äußert sich das?
Vor dem 11. September hat sich niemand darum geschert, dass ich im Zug manchmal arabische Texte lese. Heute gucken die Leute komisch.
Passiert Ihnen so was auch unter Kollegen?
An meinem ersten Tag als Islamlehrerin sagte die Kollegin, die mich der Klasse vorstellte: Achtet mal darauf, wie gut die Frau Kaddor Deutsch spricht! Das saß. Da fühlte ich mich wie eine Ausländerin, obwohl ich nie eine gewesen bin.
Wie reagieren Ihre Schüler auf solche Situationen, in denen sie als Ausländer behandelt werden?
Mit Rückzug. Oder sie sagen: Scheiß Deutsche, scheiß Nazis! Wenn Sie einen pubertierenden 17-Jährigen vor sich haben, türkischer Herkunft, aus sozial schwachem Milieu, ungebildet, Bodybuilder, kahl rasiert – was glauben Sie, wie der reagiert? Da kriegt der andere eins drauf.
Was kann denn, zum Beispiel von Seiten der Politik, getan werden, damit mehr muslimische Kinder so aufwachsen wie Sie – mit Disziplin und Bildung?
Es müssen mehr Kampagnen mit Vorbildern gestartet werden. Jugendliche müssen verstehen, dass Bildung sehr wichtig für Ihre Zukunft ist und dass es eben Sinn macht, zur Schule zu gehen und eine vernünftige Berufsausbildung zu absolvieren.
Die Islamkritikerin Necla Kelek macht den Islam dafür verantwortlich, dass in türkischen Familien vieles schief läuft. In „Die verlorenen Söhne“ schreibt sie, dass im Koran das Recht auf Rache verbrieft sei. In Sure 17, Vers 33 steht: „Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache.“
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit. Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.
Kelek behauptet, der Islam habe sich nicht weiterentwickelt. Er lasse sich nicht verändern.
Wo steht das? Im Koran nicht. Der appelliert: Setzt euren Verstand ein. Der Koran ist ja auch kein einheitliches Buch, sondern sehr schwer verständlich und widersprüchlich. Deshalb muss er in jeder Epoche neu interpretiert werden. Frau Kelek ist Soziologin, ihre Stärke liegt darin, die Probleme, die Wertvorstellungen einiger Muslime zu beschreiben. Sie sie ist keine Islamwissenschaftlerin, keine Theologin. Ihr Rückschluss, dass die Religion an allem schuld sei, ist Quatsch.
Sie sagen doch selbst, dass es keine Moschee gibt, in der Sie sich zu Hause fühlen.
Stimmt. Denn das traditionelle Denken ist institutionell sehr weit verbreitet. Man muss aber Traditionen, wie gesagt, vom Islam trennen.
Warum gibt es so viele Fundamentalisten im Islam?
Unter anderem hat das mit dem Einfluss der ultrakonservativen Wahhabiten zu tun. Die leben mehrheitlich in Saudi-Arabien und vertreten ein Textverständnis, das den Koran sehr wortgetreu auslegt und versucht, das Weltbild aus dem 7. Jahrhundert in die heutige Zeit zu übertragen – inklusive Steinigung, Harem und Vielehe. Dass diese Richtung von so großer Bedeutung ist, liegt am Geld, von dem haben die Saudis dank des Erdöls genug. So haben sie Schulbücher für die Muslime in Bosnien finanziert, in denen die Grundlagen ihres Weltbilds vermittelt werden. Sie vertreiben auch weltweit Koranübersetzungen.
Bleibt die Frage, warum so viele Muslime für diesen Radikalismus empfänglich sind.
Wenn sie es sein sollten, dann weil sie zum Beispiel die Erfahrung machen, dass sie keinen Job finden, wenn sie ein Kopftuch tragen – selbst wenn sie studiert haben. Dann sagt einer: Das liegt daran, dass die Deutschen böse sind, und es ist toll, dass du zu deinem Kopftuch stehst. Da finden sie endlich einmal Bestätigung. Fundamentalisten nutzen den wunden Punkt bei den Leuten aus.
Als Vorbild, wie die Mehrheit mit der muslimischen Minderheit umgehen sollte, nennen Sie ausgerechnet die USA.
Ich will Amerika nicht rosarot malen. Bezeichnend ist, dass die Leute dort sagen: We are Muslim-Americans, egal wo sie ursprünglich herkamen. Hier behauptet dagegen noch kaum jemand voller Stolz: Ich bin deutscher Muslim. Und das hat natürlich damit zu tun, dass in den USA jeder Ami ist, der sich zu den Werten des Landes bekennt und halbwegs die Sprache sprechen kann. Das ist in Deutschland längst nicht so. Zudem sind die amerikanischen Muslime gebildeter, die meisten kamen als Studenten ins Land.
Umgekehrt plädieren Sie auch dafür, dass sich die Muslime stärker anpassen. Moscheen in Europa etwa sollten nicht mehr so orientalisch aussehen. Das ist überraschend, wenn man sich Ihre Wohnung ansieht: Hier stehen Palmen, Wasserpfeifen und ein geschnitztes Kamel, an der Wand hängen eine arabische Kalligrafie und Bilder von Damaskus.
Ich versuche, das Westliche und das Orientalische zu verbinden. Klar – ich finde den Orient toll! Aber die Küche oder mein Fernseher sind eben nicht orientalisch. Bei den Moscheen müsste es genau so sein. Die brauchen vielleicht nicht mehrere Kuppeln, sondern nur ein schmales Minarett, eben moderne Architektur.
Die Moschee im bayerischen Penzberg gefällt Ihnen besonders gut?
Ja, dort finden Sie zum Beispiel auf den Eingangstüren eine arabische Kalligrafie – und genauso groß daneben die deutsche Übersetzung.
Sie wollen einen Verein der liberalen Muslime gründen. Warum?
Um der schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben. Leuten, die ein normales Leben leben, die gläubig sind, deren Leben sich aber eben nicht nur um die Religion dreht. Alle anderen muslimischen Verbände verkörpern so etwas wie eine konservative Partei. Wir wollen eher progressiv sein – unter anderem, um den Konservativen die Lehrpläne für den Islamunterricht nicht allein zu überlassen.
Warum schweigt die Mehrheit denn überhaupt – zum Beispiel zum islamistischen Terror?
Viele befinden sich in einem Dilemma: Wieso muss ich mich, der ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen, ständig für Terroristen rechtfertigen? Zumal ein großer Teil der Opfer des Terrors Muslime sind. Die konservativen Verbände sagen dazu wirklich zu wenig. Und alle anderen, die liberaleren Stimmen, sind Einzelpersonen.
Haben Sie schon viele Rückmeldungen zu Ihrer Initiative erhalten?
Ja, viele wollen mitmachen und bedanken sich bei mir, weil ich ihnen aus der Seele gesprochen hätte – auch viele Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch. Bei Facebook habe ich jetzt zahlreiche „Freunde“ und Fans, die ich größtenteils gar nicht kenne.
Für radikale Muslime müssen Sie dagegen eine ungeheure Provokation sein.
Manche Fundis schreiben mir, dass ich den Islam verwässern und falsch darstellen würde. Islamhasser wiederum glauben, ich sei die Schlimmste von allen: Ich würde mich nur als Liberale tarnen und wollte eigentlich missionieren …
Jetzt meldet sich Ihr Mobiltelefon – natürlich mit einem orientalischen Klingelton …
Wenn ich das öffentlich sage, bekomme ich wahrscheinlich Ärger mit den Arabern, aber egal! Das ist das Lied „Du bist mein Leben“ von Umm Kulthum, der ägyptischen Maria Callas – aber gesungen von einem israelischen Popstar.
Tagesspiegel
Sonntag, 11. April 2010
Das Ende Europas? Ansichten zur Integration der Muslime
Das Ende Europas?
Ansichten zur Integration der Muslime
Von Siegfried Kohlhammer
Als die französische Theaterregisseurin Rayhana Anfang des Jahres nur knapp einem Terrorattentat entging, fragte die Internationale Liga für Frauenrechte: »Wer hätte sich vorstellen können, dass im Frankreich des Jahres 2010 eine Frau nur deshalb angegriffen wird, weil sie ein Theaterstück geschaffen hat, das Islamisten missfällt?« Ja, wer hätte sich das vorstellen können? Ich zum Beispiel, und recht bedacht wohl auch der Rest der Menschheit, soweit er nicht seit über dreißig Jahren im Koma liegt oder anderweitig ebenso ignorant, weltfremd und realitätsblind ist wie die Internationale Liga für Frauenrechte. Zur Verbesserung des Vorstellungsvermögens seien hier einige Bücher empfohlen.
Wer die Weltläufte – auch die turbulenten und bedrohlichen – mit kühler Distanz und Gelassenheit beschrieben und analysiert sehen mag, wird sich von den Titeln der fraglichen Werke eher abgestoßen fühlen. Aber es wäre ein Fehler, sie deshalb nicht zur Kenntnis zu nehmen, enthalten sie doch eine Fülle meist gut belegter Fakten und Analysen, die auf eine besorgniserregende Entwicklung hinweisen.
Der amerikanische Journalist Christopher Caldwell stellt Reflections on the Revo lution in Europe an.(1) »Can Europe be the same with different people in it?«, lautet die Frage auf dem Umschlag, und Caldwells Antwort ist ein klares Nein. Der Titel spielt natürlich auf Edmund Burkes Werk an, was freilich den Mund recht voll nehmen heißt; dass sich eine der Französischen Revolution vergleichbare Veränderung in Europa abzeichnet, vermag Caldwell nicht plausibel zu machen; und abgesehen davon war die Französische Revolution allem Blut und Terror zum Trotz ein großer Schritt auf dem Weg zur Freiheit – das wäre eine Islamisierung Europas nicht.
Bruce Bawer, ein in Norwegen lebender amerikanischer Autor, legte 2006 While Europe Slept vor und 2009 Surrender: Bawer versteht es, polemische Verve mit anschaulicher Schilderung und gründlichen journalistischen Recherchen zu verbinden – die von ihm geschilderten Fälle sind zuweilen geradezu unfassbar. Das gilt auch für Melanie Phillips Londonistan, das die Entwicklung von Teilen Großbritanniens zum Hauptquartier des militanten Dschihad schildert und die von der Mehrzahl der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Eliten gewollte angestrengte Ignorie rung dieser Tatsache.(2)
Nicht ausschließlich, aber doch überwiegend beschäftigt sich auch Walter Laqueur in The Last Days of Europe mit dem Problem der muslimischen Immigration und sieht darin einen der Hauptgründe für das Ende des alten Europa. Bat Ye’or, Verfasserin instruktiver Werke zur Lage der Minderheiten in den islamischen Ländern, sieht gar ein Eurabia entstehen, worin die Völker Europas unter arabisch-islamischer Herrschaft im Status der Dhimmitude leben werden. Das ist wenig überzeugend, gleichwohl sind die von ihr vorgelegten Dokumente, zumal was die Unverantwortlichkeit sowie den Mangel an Öffentlichkeit und Rechenschaftspflicht der EU in der Frage der Migration und den Beziehungen zu den arabischen Ländern betrifft, beden kenswert.(3)
Eher sozialanthropologisch untersucht Lee Harris’ The Suicide of Reason die islamische Welt und die des modernen Westens und zeigt das Dilemma einer Konfrontation beider auf, bei der der Westen nur verlieren kann, wenn er an seinen Prinzipien festhält.(4) Der flotte Slogan »Wir werden sie durch unsere Toleranz besiegen!« verkennt, dass es Bewegungen gibt, die sich nicht durch Toleranz besiegen lassen. Dafür hat gerade auch die neuere Geschichte reichlich Anschauungsmaterial geboten. Was ist also in dem Dilemma zu tun, damit sie nicht uns durch unsere Toleranz besiegen?
Jytte Klausen teilt in The Islamic Challenge die Besorgnis der obigen Autoren nicht, im Gegenteil, es gibt keine »Islamic Challenge«, und bis auf eine kleine Minderheit militanter Islamisten sind Letztere alle integrationsbereit. Integration bedeutet für Klausen eine Bringschuld des Gastlandes: »Als die Muslime erst einmal ihre Integration verlangten, wurde offensichtlich, wie sehr die Europäer und ihre Regierungen sich würden ändern müssen, um jenen entgegenzukommen.« Die Integrationsbereitschaft wächst gewiss, wenn die Anpassungsleistungen von der anderen Seite erbracht werden müssen. Klausen scheint jedoch die Integrationsbereitschaft der Yale University Press nicht recht würdigen zu wollen, wo ihre Untersuchung der dänischen Mohammed-Karikaturen und der weltweiten Folgen erschienen ist und der Verlag sich in einem Akt vorauseilenden Gehorsams weigerte, die fraglichen Karikaturen und andere Bilder Mohammeds in dem Band abzubil den.(5)
Klausen gelangt zu ihrem positiven Bild muslimischer Integrationsbereitschaft aufgrund solider sozialwissenschaftlicher Erhebungen, wobei aber der größte Teil der von ihr Befragten diese Integrationsbereitschaft bereits durch Wort und Tat bewiesen hatte: Vor allem Mitgliedschaft und Aktivität in politischen Parteien und Bürgerorganisationen waren das Auswahlkriterium. Das ist ein wenig so, als ob man für eine Untersuchung zur Armut in Deutschland Befragungen in Sylt und Starnberg vornähme und dann erklärte, dass von Armut keine Rede sein könne, im Gegenteil. Gleichwohl lohnt es sich, das Buch als Korrektiv zu den oben angeführten Werken zu lesen, zumal Klausen einen zentralen Problempunkt aufdeckt, der bislang nicht genug beachtet wurde: Wie wenig die meisten europäischen Staaten im strengen Sinne säkular sind, wie sehr sie historisch in der Trennung von Staat und Kirche bei der Herausbildung der modernen Nationalstaaten Kompromisse mit den Kirchen machten oder machen mussten, die nun im Hinblick auf die rechtliche Gleichheit der Religionen, also auch der islamischen, zu Problemen werden.
Hervorheben will ich die Bremer Habilitationsschrift Staat und Migration von Stefan Luft, einen vorzüglichen Ratgeber in allen Fragen der Migration nach Deutschland.(6) Interessant ist Luft auch deshalb, weil die Integrationsprobleme in Deutschland auch bei ihm ein zentrales Thema darstellen, er aber weitgehend auf Kategorien wie Islam, Muslime etc. verzichtet und vor allem soziologischen, soziokulturellen, ökonomischen und anderen »säkularen« Erklärungsmodellen vertraut. Staat und Migration unterscheidet sich von den meisten Werken zur Migrationsforschung durch seine Ablehnung von Migrationsforschung als einer Leidensgeschichte, mit den Migranten einzig als Opfern der Mehrheitsgesellschaft – diese Sicht ist auch insofern falsch, als sie die Gewinne, ökonomisch und freiheitlich, der meisten Migranten in den Hintergrund rückt.
Niemals zuvor in der Migrationsgeschichte hat es einen derartig hohen Grad an materieller, rechtlicher und ideologischer Unterstützung der Migranten von staatlicher und nichtstaatlicher Seite gegeben wie im heutigen Europa, und Deutschland nimmt dabei einen der Spitzenplätze ein. Seit Jahrzehnten werden hier erhebliche Summen für Integration ausgegeben, in die Sprachprogramme allein sind Milliardenbeträge investiert worden. Schon die Gastarbeiter in den sechziger Jahren waren von Anfang an arbeits- und sozialrechtlich gleichgestellt, erhielten also Tariflohn, Arbeitslosengeld und -unterstützung, Kinder- und Wohnbeihilfe, BAFÖG, ärztliche Betreuung – das volle Programm. Das hatte denn auch zur Folge, dass das (1973 eingestellte) Gastarbeiterprogramm zwar für die Privatwirtschaft, auf deren Druck es eingeführt worden war, einen Erfolg darstellte, nicht aber gesamtwirtschaftlich, da die Folgekosten die Gewinne schließlich übertrafen. Generell gilt in Europa, dass die Migranten insgesamt den Wohlfahrtsstaat mehr kosten, als sie zu ihm beitragen. Eine Lösung der Probleme Europas durch mehr Migranten, wie sie die EU wünscht, ist eher unwahrscheinlich.
Während früher den Einwanderern selbst die Last der Integration auferlegt wurde – und sie funktionierte in der Regel, auch ohne Sozialhilfen und Wohlfahrtsstaat und Antidiskriminierungsgesetze –, gilt heute Integration immer mehr als in die Verantwortung des Staates fallend. Und doch sind die Ergebnisse insgesamt immer dürftiger. »Nie zuvor in der Geschichte der Migration gab es so viel Rücksichtnahme und Planung. Doch die Ergebnisse waren dürftig.« (Laqueur) Das hatte unter anderem zur Folge, dass der Anteil der Erwerbstätigen unter den Migranten stetig sank und eine Lebensplanung auf der Grundlage von Sozialhilfe möglich wurde. So machen etwa die Muslime in Dänemark 5 Prozent der Bevölkerung aus, nehmen aber 40 Prozent der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in Empfang – und andere Länder weisen ähnliche Missverhältnisse auf. »Die Muslime in Europa erhielten mehr wohlfahrtsstaatliche Leistungen als jede andere Gruppe irgendwo und irgendwann.« (Bawer). Omar Bakri Mohammed, Gründer der islamistischen Hizb ut-Tahrir in England, lebte mit seiner Familie von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in der Höhe von circa 2000 Pfund im Monat. »Der Islam erlaubt mir, die Leistungen des (wohlfahrtsstaatlichen) Systems in Anspruch zu nehmen. Ich bin ohne Einschränkungen anspruchsberechtigt. Ohnehin lebt ja der größte Teil der Führerschaft der islamischen Bewegung von Sozialhilfe.«
Überall in Europa, wo eine nennenswerte Zahl muslimischer Zuwanderer sich niedergelassen hat, stößt man auf dieselben Probleme – und es scheint dabei keine Rolle zu spielen, ob die Muslime aus Pakistan oder aus der Türkei kommen, aus Algerien oder aus Bangladesch. Diese Probleme scheinen alle ihren Grund in der zunehmend misslingenden Integration zu haben, wobei gerade auch die zweite und dritte Generation, die traditionell die Integration schaffte, nicht besser integriert sind. Deutlich zeigt sich dies an den ethni schen Kolonien vieler Städte.(7)
Das Bezirksamt Neukölln von Berlin schreibt 2004: »Da die Migranten einen Großteil der Neuköllner Bevölkerung ausmachen und die Integration in die deutsche Gesellschaft auf breiter Front missglückt ist, bildet sich immer stärker eine Parallelgesellschaft heraus« und konstatiert eine »zunehmende Islamisierung der Neuköllner Altstadt«. Solche Viertel weisen einen überproportional hohen Anteil von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, von Armut und Schulabbrechern auf mit überproportional hohen Kriminalitätsraten und Gewaltdelikten. Die Bildungsferne des Elternhauses, die oft mit einem Desinteresse an der Schule einhergeht, trägt neben anderem zu einer geringen Schul- und Berufsausbildung der Heranwachsenden bei, zu Schulschwänzen und Schulabbruch. Die Kenntnisse der jeweiligen Landessprache sind gering, womit eines der wichtigsten Mittel des Ausbildungs- und Berufserfolges sowie der Integration entfällt.
Diese ethnischen Kolonien und der Aufenthalt darin perpetuieren sich, statt wie in den klassischen Einwandererländern Durchgangsstation zur Aufnahme in die neue Gesellschaft zu sein. Sie fördern Isolation und Segregation vom Aufnahmeland, was durch die Islamisierungswelle der letzten Jahrzehnte verstärkt wird. Sie können zu Gebieten eigenen Rechts werden, »islamischen Räumen«, wohin sich die Polizei nur noch im Großaufgebot wagt und in denen ein hoher Anpassungsdruck herrscht. »Regiert« werden sie von Imamen und Gemeindeführern, »Identitätswächtern«, die durch psychischen Druck und auch durch Zwang und Gewalt die Kultur des Herkunftslandes in ihrer traditionellsten und den Islam in seiner radikalsten Form durchsetzen. Hier werden Misstrauen, Abneigung und Verachtung gegenüber der Aufnahmegesellschaft gelehrt, gepflegt, gefördert.
Wie sehr die Aufnahmegesellschaft abgelehnt wird, zeigt auch die Heiratspraxis: Mehrheitlich werden die Ehepartner aus dem Herkunftsland geholt und selbst den potentiellen Ehepartnern der eigenen Ethnie im Aufnahmeland vorgezogen, von den Einheimischen ganz zu schweigen. So fällt eines der probatesten Integrationsmittel weitgehend aus. Eine Untersuchung über jugendliche Zuwanderer aus dem Jahr 2003 fasst Luft so zusammen: »Statistisch besteht ein Zusammenhang zwischen ausgeprägt islamischer Orientierung, sozialer Deklassierung und mangelnder Integration.« Während aber »bei einheimischen Jugendlichen eine hohe Religiosität mit günstigen sozioökonomischen Rahmenbedingungen einhergeht, verhält sich dies bei den Migranten umgekehrt . . . Deutlich ist allerdings bei den muslimischen Jugendlichen, dass das Bildungsniveau dann am niedrigsten im Vergleich aller Migrantengruppen ausfällt, wenn ihre Religiosität stark ausgeprägt ist.«
Die Zahl der muslimischen Immigranten ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung noch gering und meist im einstelligen Bereich, 12 Prozent in Frankreich; problematisch ist deren Konzentration in bestimmten Städten, wo ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung oft 30 oder mehr Prozent beträgt, bei Kindern und Jugendlichen zuweilen schon mehr als die Hälfte, genauer: in bestimmten Stadtvierteln. Sie weisen die höchsten Geburtenzahlen auf, was für viele Städte den Zeitpunkt absehbar macht, wo die Kultur und Religion dieser ethnischen Kolonien majoritär werden und die Städte in einem von den meisten Einheimischen und von vielen – auch muslimischen – Zugewanderten nicht gewünschten Sinne prägen werden.
Die Idee einer islamischen Eroberung Europas ist keineswegs Erfindung hysterischer Islamophober – sie wird den Europäern immer wieder von Muslimen unter die Nase gerieben. Der Imam Abu Baseer erklärt: »Eines der Ziele der Immigration ist die Neubelebung des Dschihad und die Geltendmachung der Macht über die Ungläubigen. Immigration und Dschihad gehören zusammen. Das eine ist Folge des anderen und hängt davon ab.« Einer der Führer der dänischen Muslime hat einen Traum: »Wir werden schließlich die Mehrheit sein.« Ein bei jungen Muslimen in Stockholm beliebtes T-Shirt trug die Aufschrift »2030 – dann übernehmen wir«. Beim Prozess gegen die Islam4UK-Gruppe in England trug ein Demonstrant vor dem Gericht ein Plakat mit der Aufschrift »Islam will dominate the world. Freedom can go to Hell«.
Bereits 1974, mit dem Beginn der Reislamisierungswelle, hatte der algerische Präsident Boumedienne vor der UN-Generalversammlung erklärt: »Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren.« 1978 forderte eine vom Islamic Council in Europe organisierte Konferenz die Muslime auf, ihre eigenen religiösen Gemeinschaften von den Behörden als gleichberechtigt mit anderen anerkennen zu lassen – soweit kein Problem. Dann heißt es: »Schließlich kann die Gemeinschaft versuchen, politische Rechte als eine die Nation konstituierende Gemeinschaft zu erlangen. Sobald sie diese Rechte erhalten hat, sollte die Gemeinschaft versuchen, ihre spezifischen Merkmale auf die gesamte Nation hin auszudehnen.«
Für den mangelnden ökonomischen und Integrationserfolg der muslimischen Einwanderer werden oft Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung verantwortlich gemacht. Die gibt es in der Tat, und es sollte sie nicht geben. Davon sind aber nicht nur die Muslime betroffen, und nicht mehr als andere. Zu keiner Zeit waren Rassismus, Xenophobie und Diskriminierung gesellschaftlich so geächtet, und nie zuvor waren die Einwanderer rechtlich so weitreichend geschützt. Unter in dieser Hinsicht weit ungünstigeren Bedingungen gelang früher von großen Teilen der einheimischen Bevölkerung abgelehnten und angefeindeten Gruppen wie den Juden oder Chinesen Integration und schließlich ein – über das Niveau der einheimischen Bevölkerung hinausgehender – Wirtschaftserfolg. Und beides erreichen auch heute in Europa andere Migrantengruppen wie die Vietnamesen, die indischen Hindus und andere. Warum reüssieren in der Regel die orthodoxen Zyprioten, nicht aber die muslimischen Türken? Außerdem gibt es ja zahlreiche Muslime, die in die europäischen Gesellschaften integriert und wirtschaftlich erfolgreich sind, und zwar in solcher Zahl, dass von einer generellen Verhinderung von Integration und Berufserfolg durch die genannten Faktoren nicht die Rede sein kann.(8)
Das gilt auch für das von Muslimen ins Feld geführte apologetische Argument einer speziellen westlichen Feindseligkeit ihnen gegenüber, was zunächst als »Feindbild Islam«, dann als »Islamophobie« und in seiner neuesten Varian- te als »Aufklärungsfundamentalismus« vorgebracht wird. Aber das trifft weder historisch noch für die Gegenwart zu: Keine andere Religion kann sich einer so weitreichenden und passionierten Verteidigung von staatlicher Seite und in den Medien erfreuen wie der Islam, die Bücher von Bawer und Phillips belegen das überzeugend.
Muslime in aller Welt sehen sich als Opfer einer Verschwörung des Westens (und der Juden, wahlweise auch der Freimaurer) gegen den Islam. Premierminister Mahathir von Malaysia erklärte in seiner Eröffnungsrede vor der Islamic Summit Conference im Oktober 2003: »Wir sind alle Muslime. Wir werden alle unterdrückt. Wir werden alle gedemütigt.« Die Muslime seien mit »der Zerstörung ihrer Religion und der Ummah« konfrontiert. Solcher Paranoia muss der Gedanke einer Islamophobie des Westens ganz selbstverständlich vorkommen. Erklärenswert wäre jedoch, warum die Idee im Westen selbst solchen Anklang fand und unermüdlich und ohne handfestes Beweismaterial herumgereicht wird.
Kenan Malik hat nach der Islamophobie in England gefragt und stellte entnervt fest: Die Behauptung einer weitverbreiteten Islamophobie werde durchgängig so widerspruchslos akzeptiert, »dass sich niemand auch nur die Mühe macht, sie zu überprüfen« (Guardian, 7. Januar 2005). Malik zufolge ist die Vorstellung einer weitverbreiteten Islamophobie in England falsch. Im Jahre nach 9/11, als eine Welle von Übergriffen zu erwarten gewesen wäre, stellte die Islamic Human Rights Commission 344 Vorfälle fest: »die meisten davon relativ geringfügige Vorkommnisse wie Stoßen oder Bespucken«. Das sei gewiss schlimm für die Opfer, »aber zusammengenommen erlauben sie nicht, von einer Atmosphäre unkontrollierter Feindseligkeit gegenüber Muslimen zu sprechen«. Bawer hat die entsprechenden Zahlen für die USA untersucht. Der Council for American Islamic Relations beklagte einen dramatischen Anstieg von »hate crimes« gegen Muslime in den USA seit 9/11: von 42 Fällen 2002 auf 141 im Jahre 2004.
Die Konzentration auf Islamophobie als Hauptproblem ist umso schwerer verständlich, als die Opfer ethnisch motivierter Übergriffe und Gewalttaten zumeist Juden, andere Einheimische und Mitglieder anderer Ethnien sind, wobei Muslime die Haupttätergruppe stellen. »Der Zahl der Verhaftungen und Verurteilungen zufolge werden erheblich mehr – ethnische und kriminelle – Gewalttaten von jungen Muslimen begangen als von >Islamophoben<«, schreibt Laqueur. Generell waren in den letzten Jahren Gewalttaten von Muslimen gegen Nichtmuslime sehr viel häufiger als umgekehrt. Im Jahre 2001 versechsfachten sich die Gewaltakte gegen Juden und jüdisches Eigentum in Europa. Allein in Frankreich wurden zwischen September 2002 und März 2003 über 1300 einschlägige »hate crimes« gezählt.
Das Schicksal eines EU-Berichts über diese Welle des Antisemitismus verrät einiges über die EU und die obwaltende Islamophilie in Europa. Der Bericht brachte nicht das gewünschte Ergebnis – weiße einheimische Jugendliche als Haupttäter –, sondern verwies auf muslimische Jugendliche. EU-Generalsekretär Solana verweigerte Mitte 2003 die Veröffentlichung: Der Bericht entspreche nicht den Qualitätskriterien. Als der Bericht dann ein Jahr später doch erschien, war er begleitet von einer Pressemitteilung: »die größte Gruppe von Tätern bei antisemitischen Aktivitäten scheinen junge, unzufriedene weiße Europäer zu sein«. Eine weitere Quelle des Antisemitismus »in einigen Ländern« seien junge Muslime. Aber aus den Daten des Berichts ergab sich, dass das Gegenteil zutraf.
Keine andere Migrantengruppe beklagt sich so häufig über Diskriminierung und Mangel an Respekt und stellt derart exorbitante Forderungen, deren Zurückweisung dann als weiterer Beweis für Islamophobie gilt. Als der frühere englische Innenminister Charles Clarke 2005 erklärte, über die Einführung des Kalifats und der Scharia, die Aufhebung der Gleichheit der Geschlechter und der Meinungsfreiheit könne es keine Verhandlungen geben, sah ein Vertreter von Hizb ut-Tahrir Britain darin »einen Angriff gegen den Islam«. Ein dänischer Muslimführer beklagte sich 2004 über den Säkularismus der dänischen Gesell schaft als »eine widerwärtige Form der Unterdrückung«.
Und keine andere Migrantengruppe droht derart ungeniert und ungestraft – und erfolgreich – mit Gewalt, sobald sie sich gekränkt oder herausgefordert fühlt. Gleichwohl gilt ihr die bis an Selbstaufgabe reichende Rücksichtnahme seitens der Regierungen und Medien. Um bei der EU zu bleiben: Zusammen mit den EU-Regierungen soll ein »gemeinsames Lexikon« erstellt werden, wodurch »den Entstellungen des muslimischen Glaubens und der Entfremdung der muslimischen Gläubigen« ein Riegel vorgeschoben wird.
Dass auch die Medien diese befremdliche Selbstzensur gegenüber den Muslimen praktizieren, legt zumindest der Fall der amerikanischen Society of Professional Journalists nahe, deren erklärtes Ziel die Verteidigung der Meinungsfreiheit und -vielfalt ist. Auf ihrem Kongress im Jahre 2007 verabschiedete sie eine Reihe von Richtlinien für die Berichterstattung über Araber und Muslime: »Wenn Sie über Terrorismus schreiben, vergessen Sie nicht, weiße Rassisten, radikale Abtreibungsgegner und andere Gruppen mit vergleichbaren Aktivitäten einzubeziehen.« Wortverbindungen wie »Islamic terrorist« oder »Muslim extremist« seien zu vermeiden.
Bevor untersucht wird, inwieweit der Islam als Religion und kulturelles System für die Integrationsschwierigkeiten und -widerstände bei den Muslimen verantwortlich sein könnte, sollen kurz die nichtreligiösen Faktoren vorgestellt werden, die die Migrations- und Sozialforschung generell als Integrationshemmnisse ausfindig gemacht hat.
Als generelle, unabhängig von der Herkunftskultur und -religion geltende Integrationshindernisse werden plausibel folgende Faktoren genannt: Wenn es stimmt, dass Arbeit und Arbeitsplatz ein wesentlicher Integrationsfaktor sind, dann kann das Wegbrechen der traditionell für ungelernte Migranten geeigneten industriellen Arbeitsplätze in den letzten Jahrzehnten ein wesentlicher Grund für den Integrationsmisserfolg sein.
Wenn es stimmt, dass schulische und berufliche Bildung sowie gute Kenntnisse der Sprache des Aufnahmelandes wichtige Voraussetzungen für einen Arbeitsplatz und beruflichen Erfolg sind, dann ist die fehlende Qualifikation der meisten muslimischen Migranten ein Integrationshindernis. Anders gesagt: Eine Immigrationspolitik, die nicht auf die Qualifikation der Immigranten achtet, ist ein Fehler. Und wenn der Bildungsstand der Eltern von besonderer Bedeutung für den schulischen Erfolg der Kinder ist, dann ist der niedrige Bildungsstand der meisten muslimischen Eltern ein Integrationshindernis auch für die Kinder.
Wenn es stimmt, dass die Herkunft aus einem traditionellen bäuerlich-dörflichen Milieu oder aus der städtischen Unterschicht ein Integrationshindernis darstellt, haben viele muslimische Migranten Probleme mit der Integration.
Ein ebenfalls für alle Migranten geltendes, traditionsbewahrendes Integrationshindernis sind paradoxerweise die Folgen des ihnen zur Verfügung stehenden technischen Fortschritts, der es erlaubt, einen fast ununterbrochenen Kontakt mit dem Herkunftsland aufrechtzuerhalten, sei es die persönliche Kommunikation mit Verwandten und Freunden via Telefon und Internet, sei es allgemeine Information oder Unterhaltung über die Medien (Zeitungen, Internet und vor allem Satelliten-TV). Billige Flüge erlauben jährliche längere Aufenthalte in der alten Heimat. Je intensiver der Kontakt mit dem Herkunftsland, desto geringer in der Regel die Integrationsbereitschaft.
Hinzu kommen im Fall der muslimischen Migranten die Interventionen der Herkunftsländer, die erhebliche finanzielle und kulturpolitische Anstrengungen unternehmen, die Migranten an der Integration zu hindern – von Koranschulen und anderen kulturellen Einrichtungen bis zur Entsendung von Lehrern, Imamen etc. Das gibt es bei ande ren Gruppen in viel geringerem Maße, wenn überhaupt.
Immer wieder wird überraschenderweise von den Autoren der Sozial- und Wohlfahrtsstaat als Integrationshindernis angeführt. Naiverweise würde man annehmen, dass die Fürsorge des Aufnahmestaates Anerkennung finden und die Integration fördern würde. Oft waren ja eben diese Sozialleistungen das Motiv für die Migration. Traditionell fungierten die Arbeit und der Arbeitsplatz als eine wesentliche integrative Instanz. Der Sozialstaat unterminiert dieses Prinzip, indem Erwerbslosigkeit materiell soweit abgesichert ist, dass ein Existenzniveau weit über dem im Herkunftsland durch Arbeit erzielbaren möglich wird. Ein Bericht des Bezirksamtes Neukölln beschreibt das Dilemma: »Kinder und Jugendliche wachsen in einem sozialen Umfeld auf, in dem die Nichtteilhabe am Erwerbsleben und die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung Normalität sind. Dies hat Konsequenzen für die Integrations- und Leistungsbereitschaft.« Ghadban formuliert das so: »Ein unerwarteter Effekt der Wohlfahrt besteht darin, die Abkapselung der Gruppe zu fördern und die Integration zu verhindern, eigentlich den Sinn und Zweck der Sozialhilfe zu verfehlen.«
Wenn aber diese Integrationshindernisse für alle Migranten gelten, warum haben dann in der Regel die Muslime deutlich mehr Integrationsschwierigkeiten als andere Migrantengruppen? Warum ist die Segregation der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland besonders stark ausgeprägt? Warum wohnt und lebt sie lokal sehr viel konzentrierter, während die anderen Gruppen eher im Stadtgebiet verstreut leben? Warum ist ihre Arbeitslosenquote sehr viel höher – in England ist die Arbeitslosigkeit unter den Muslimen dreimal so hoch wie bei anderen? Warum findet sich nur bei den Muslimen massenhaft das Phänomen der Heiratsmigration (»Importbräute«)? Warum unterscheiden sich die Türken am deutlichsten von den Deutschen in Bildungsniveau, beruflicher Qualifikation, Bildungsferne? Warum ist gerade unter Muslimen die freiwillige Selbstabgrenzung und Verachtung der Kultur des Aufnahmelandes so viel weiter verbreitet als bei anderen?
Neben den oben angeführten generellen Integrationshindernissen wird immer wieder im Fall der Muslime der islamische Fundamentalismus als Grund angeführt. Aber warum sollte der islamische Fundamentalismus Integrationshindernis sein? Andere religiöse Fundamentalismen waren dies nicht. Die Geschichte der Migration ist voll von fundamentalistischen Bewegungen und Sekten, die in Länder, die ihnen Religionsfreiheit gewährten, auswanderten und sich dort früher oder später integrierten.
Die obligate absolute Unterscheidung von Islam und Islamismus dürfte ein Hindernis für genaueres Nachfragen gewesen sein. Generell galt: Die Guten gingen ins Töpfchen des Islam, die Schlechten ins Kröpfchen des Islamismus. Die beiden, so der gewünschte Eindruck, haben nichts miteinander gemein: Der Islam war zum Islamismus gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Aber es gibt theologisch und politisch-ideologisch nichts Wesentliches am Islamismus, das sich nicht in der Geschichte des Islam finden ließe. Der Islamismus breitet sich nicht deshalb weltweit unter den Muslimen aus, weil er eine ganz neue faszinierende Form des Islam wäre, sondern weil er die seit mehr als tausend Jahren vertrauten Gebote und Verbote des Islam gegen eine sich globalisierende Moderne stellt. Der Islamismus lässt sich als eine Reislamisierung und eine der – schon von Ibn Khaldun beschriebenen – periodisch in der Geschichte des Islam auftretenden Erneuerungs-, Reinigungs- und Erweckungsbewegungen verstehen.
»Der Islam herrscht, er wird nicht beherrscht.« So lautet ein Hadith. Der Islam erstrebt nicht ein gleichberechtigtes Nebeneinander mit anderen Religionen und kulturellen Systemen, sondern die Herrschaft des Islam über die anderen, die zu seinem superioren System – der besten Gemeinschaft, die je auf Erden entstand – in einem Verhältnis der Inferiorität und Duldung stehen. Der Respekt, der von den Muslimen unermüdlich eingeklagt wird, meint nicht die Anerkennung als Gleichberechtigte, sondern als Superiore und damit die Bekundung der Inferiorität der anderen. Superiorität bedeutet Ehre, Inferiorität Demütigung und Unterwürfigkeit. Beides soll öffentlich sichtbar gemacht werden durch Gesten und Worte. »Überall dort, wo Muslime leben, beansprucht der Islam unbedingte Geltung für sich«, heißt es bei Bassam Tibi. In den islamischen Ländern war und ist es Tradition, dass die Ungläubigen einzig in der Rolle unterworfener Schutzbefohlener geduldet werden, nicht als Gleiche.
Das angemessene Verhältnis des Nichtmuslims zu den Muslimen ist das des Dienens. Ein Muslim darf dementsprechend nicht im Verhältnis eines Befehlsempfängers zu einem Nichtmuslim stehen: Man kann sich unschwer vorstellen, welche Konsequenzen dieses Gebot, wird es denn ernst genommen, für die Integration im Bildungsbereich und am Arbeitsplatz hat. Im Falle einer Isolation von der deutschen Gesellschaft und einer exzessiven Orientierung an der Herkunftskultur, so Ghadban, werde »die deutsche Gesellschaft nicht als eigene betrachtet, sondern als Beutegesellschaft, die zugunsten der eigenen Gesellschaft auszunutzen wäre«. Wenn Omar Bakri erklärt, der Islam billige seinen Empfang von Sozialleistungen von einem nichtislamischen Staat, meint er damit die Tributzahlung, die die geduldeten Nichtmuslime den Muslimen schulden. Eine solche islamische Uminterpretation der Sozialhilfe könnte zu ihrer Akzeptanz als Normalität sowie zu ihrem Missbrauch bei vielen Muslimen beitragen.
Prinzipiell steht die Welt des Islam in einem feindlichen Verhältnis zu den nichtislamischen Ländern: Sie gelten bekanntlich als Gebiet des Krieges, gegen das bis zu seiner Islamisierung Krieg zu führen ist; einen dauernden Frieden darf es nicht geben, nur einen vorübergehenden Waffenstillstand. Diese Feindseligkeit gilt auch für das Verhältnis der Muslime zu den – geduldeten – Nichtmuslimen innerhalb einer islamischen Gesellschaft. So ist es etwa der muslimischen Frau verboten, einen Nichtmuslim zu heiraten. Mit dem Tode gar wird die Konversion eines Muslims bestraft.
Eine Konsequenz einer derartigen feindlichen Haltung kann das Streben nach der Schaffung islamischer Räume innerhalb der nichtislamischen Gesellschaft sein. Luft zitiert eine Studie des Zentrums für demokratische Kultur von 2004: »Mit ihren vielfältigen Aktivitäten versuchen islamistische Organisationen, >islamisierte Räume< zu schaffen, Milieus, in denen das gesamte Leben der Gemeinschaft den religiösen Vorschriften entsprechend gestaltet wird, einschließlich der Rechtsordnung.« Laut Ghadban verfestigt und legitimiert die fortschreitende Islamisierung die Strukturen der Parallelgesellschaft: »Es wird in allen Antworten deutlich, dass die Personen sich keine soziale Eingliederung in die deutsche Gesellschaft vorstellen können und sie ihr eigenes soziales Milieu bewahren möchten.«
Verstärkt werden kann diese Feindseligkeit durch eine vor allem unter Schiiten verbreitete bis zum Abscheu gehende Abneigung gegenüber der rituellen Unreinheit der unbeschnittenen, schweinefleischessenden, alkoholtrinkenden, sexuell ausschweifenden, schlimmstenfalls gar homosexuellen Ungläubigen. Hier kann dann der Kontakt sogar zur Verunreinigung des Gläubigen führen. Auf der mit Khomeini in der gesamten islamistischen Bewegung wieder zu Ehren gekommenen traditionellen Liste der unreinen Dinge stehen neben Hund, Schwein, Urin, Exkrementen etc. auch die Nichtmuslime.
Der Islam kollidiert mit dem säkularen Staat und Recht, mit der Demokratie und der Idee der Volkssouveränität und der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Das gilt auch für das westliche Prinzip des Individualismus: der nur durch allgemeine Gesetze einschränkbaren Selbstbestimmung des autonomen Einzelnen. Das islamische Recht steht im Zentrum des Islam. Dieses »göttliche Recht beschränkt sich nicht auf die Ordnung der äußeren Dinge des Lebens; es gilt ohne Einschränkung für alle Lebensbereiche«, schreibt Bassam Tibi. Dadurch ist auch »die Entsprechung des Sakralen und des Politischen im Islam« bedingt, religiöse und politische Funktionen gehen ineinander über: »Bis heute können wir kein säkularisiertes Sozialsystem im islamischen Orient vorfinden.«
Der Islam als kulturelles System sanktioniert den religiösen Totalitarismus und verhindert die Verwirklichung der Menschenrechte. Islam bedeutet Absenz von Religionsfreiheit und von Toleranz im neuzeitlichen Sinne, Unterdrückung von Minderheiten und Frauen. »Nieder mit allen Demokratien und allen Demokraten!« rief der Berliner »Hassprediger« 2004 – ein Kollege in Kopenhagen schloss sich ihm an: »Kein Muslim kann Säkularismus, Freiheit und Demokratie akzeptieren. Allah allein steht es zu, die Gesetze zu erlassen, wie eine Gesellschaft geordnet sein soll. Die Muslime wünschen und ersehnen, dass das Ge- setz Allahs das Gesetz der Menschen ersetzt.«
Eines der wichtigsten Integrationshindernisse für Muslime ist die Angst, dass die Frauen – Ehefrauen, Töchter, Schwestern – verwestlichen und vor allem durch Verstöße im Bereich der Sexualmoral die Ehre der Familie verletzen. Es ist fraglich, wie weit sich das notwendig aus dem Islam ergibt, Tatsache aber ist, dass es in erster Linie Muslime sind, die diese Befürchtungen hegen, die Frauen im Hause und unter männlicher Bewachung halten und die Gewalt gegen Frauen und Ehrenmorde begehen. »Man hätte erwartet, dass die Menschen im Kontakt mit der Moderne in Deutschland zu einem mehr emanzipatorischen Verständnis der Position der Frau kommen würden, die Untersuchung zeigt aber das Gegenteil«, berichtet Ghadban von der von ihm untersuchten Gruppe libanesischer Muslime. Die Überwachung und Kontrolle der Frauen als Träger der Ehre des Mannes und der Familie, die inferiore Stellung der Frau im Islam differieren erheblich von der in Deutschland angestrebten Rolle der Frau.
Ein weiterer, für die Integration indirekt relevanter Gesichtspunkt ist die religiöse Legitimierung von Gewalt im Islam. Wohl nicht zufällig weigerten sich im April 2005 die islamischen Länder in der UN Human Rights Commission, der geplanten Ächtung religiöser Gewalt zuzustimmen. Nach den Terroranschlägen in London im selben Jahr wurde in der UN Sub-Commission on Human Rights erneut ein Versuch unternommen, im Namen einer Religion begangene Mordtaten zu verurteilen, aber die Rede des Antragstellers wurde von Vertretern der islamischen Länder so oft unterbrochen, dass er sie nicht beenden konnte.
»Zugewanderte Jugendliche – insbesondere aus dem islamischen Raum – sind hinsichtlich Gewalttätigkeit deutlich stärker auffällig als andere Gruppen«, schreibt Stefan Luft. Einer von ihm zitierten Untersuchung zufolge erfahren muslimische Jugendliche »wesentlich häufiger als andere innerfamiliäre Gewalt«. »Anders als in allen anderen religiösen Gemeinschaften« gehe mit erhöhter Religiosität »keine stärkere Ablehnung jugendlichen Gewalthandelns durch die Eltern« einher. »Insgesamt ergibt sich somit ein konsistentes Bild dahingehend, dass muslimische Jugendliche sowohl auf der Einstellungs- als auch auf der Verhaltensebene eine deutlich stärkere Neigung zu Gewalt erkennen lassen.« Das lässt sich nicht, wie eine andere Studie zeigt, auf die üblichen Verdächtigen zurückführen: »Die höhere Gewaltbelastung ist real. Weder die häufig schlechte soziale Lage, das niedrige Bildungsniveau, noch ein selektives Anzeigeverhalten oder Mechanismen der Strafverfolgungsbehörden können also die höhere Gewaltbelastung insbesondere Jugendlicher türkischer Herkunft erklären.«
Auffällig ist auch, dass es den muslimischen Gewalttätern oft nicht um das normalerweise mit einer bestimmten Gewalttat verbundene Ziel geht: »Die Täter demonstrieren mit diesen Gewalttaten auch Macht. Die Opfer erleben dies als traumatisierend«, ergibt sich aus einer anderen Untersuchung. Dem Verfasser einer Langzeitstudie über eine türkische Jugendbande gab deren »Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit doch Rätsel auf«: »Charakteristisch scheint mir für viele Gewaltsituationen, dass . . . Gewalt eine eigentümliche Bedeutung aus der Erniedrigung der Opfer gewann«.
Das gilt wohl auch bei der Gewalt gegen Frauen, die im Fall sexueller Gewalt zugleich die Demütigung und Entehrung der gesamten Familie nach sich zieht. (Es hilft aber, wenn man die vergewaltigte Frau umbringt.) Bei Laqueur heißt es: »alle Experten stimmen darin überein, dass der Prozentsatz junger Muslime in europäischen Gefängnissen ihren Anteil an der Bevölkerung bei weitem übersteigt. Das gilt auch für die Fälle von Vergewaltigung, die in vielen Banden Teil des >rite de passage< geworden ist, besonders in Frankreich und in geringerem Maße in Skandinavien und Australien.« 2001 wurde berichtet, dass in Norwegen 65 Prozent der Vergewaltigungen von »nichtwestlichen Immigranten« (2 bis 3 Prozent der Bevölkerung) begangen wurden (die Statistik von 2007 zeigte kein Sinken der Rate an). Ein Mufti in Dänemark erklärte laut Bawer, »dass Frauen und Mädchen, die kein Kopftuch tragen (einschließlich der Nichtmuslime) keinen Respekt verdienten und selber dafür verantwortlich seien, wenn sie vergewaltigt werden«.
Antisemitismus: Die islamische Judenfeindschaft ist im Koran und den Hadithen vorgegeben und wurde mittlerweile, unter anderem auch durch die Väter des Islamismus, auf den Stand des nazistischen Antisemitismus gebracht – Mein Kampf ist neben den Protokollen der Weisen von Zion ein oft angebotenes Buch in vielen islamischen Ländern. Nirgendwo herrscht heute ein so brutaler, mordlustiger Antisemitismus wie unter den Muslimen in der islamischen und außerislamischen Welt. Wer hätte sich vorstellen können, dass Die Protokolle als ei- ne »aktualisierte« einundvierzigteilige Fernsehserie, zur besten Sendezeit 2003 in Ägypten verbreitet, an mehr als zwanzig andere arabische Sender verkauft wird? Wo sonst würde noch die Mär vom mit dem Blut nichtjüdischer Kinder gebackenen Matzebrot verbreitet? Wo sonst wird der Holocaust laut und öffentlich selbst von den Spitzen des Staates geleugnet? Schon 1992 schrieb Daniel Easterman, es verbreite sich in der arabischen Welt »eine Form des Antisemitismus, die sich meiner Ansicht nach nur mit den Vorgängen im Dritten Reich . . . vergleichen lässt. Politischer Antizionismus wird zunehmend von primitivster antijüdischer Polemik verdrängt.«
Das hindert die islamische Propaganda keineswegs, das Entsetzen und die Schuldgefühle über den Holocaust im Westen für sich zu instrumentalisieren und die Muslime als die »neuen Juden« darzustellen, als die prospektiven Opfer des anstehenden nächsten Holocaust in Europa. Es gibt anscheinend Leute, die so etwas ernst nehmen. Wenn, um einen Namen zu nennen, ein Antisemitismusforscher wie Wolfgang Benz Islamkritikern eine Verwandtschaft mit dem Antisemitismus unterstellt (und allein der Antisemitismus in der Welt des Islam wäre schon Grund genug, diesen zu kritisieren), anstatt sich um die virulenteste Form des Antisemitismus in der heutigen Welt zu kümmern, drängt sich das Wort »realitätsgestört« auf. So will man heute an den Muslimen gutmachen, was damals an den Juden verbrochen wurde.
Doch für die Vermutung, dass der Islam selbst ein wichtiger Faktor bei der auf breiter Front misslingenden Integration der Muslime in die westliche Gesellschaft sein könnte, spricht tatsächlich vieles.
Anmerkungen
1.
Christopher Caldwell, Reflections on the Revolution in Europe. Immigration, Islam, and the West. London: Allen Lane 2009.
2.
Bruce Bawer, While Europe Slept. How Radical Islam Is Destroying the West from Within. New York: Doubleday 2006; Surrender. Appeasing Islam, Sacrificing Freedom. New York: Double day 2009. Melanie Phillips, Londonistan. How Britain Has Created a Terror State Within. London: Gibson Square 2008.
3.
Walter Laqueur, The Last Days of Europe. Epitaph for an Old Continent. New York: Thomas Dunne Books 2009. Bat Ye’or, Eurabia. The Euro-Arab Axis. Cranbury: Associated University Presses 2005.
4.
Lee Harris, The Suicide of Reason. Radical Islam’s Threat to the West. New York: Basic Books 2007.
5.
Jytte Klausen, The Islamic Challenge. Politics and Religion in Western Europe. Oxford: Oxford University Press 2007; The Cartoons That Shook the World. New Haven: Yale University Press 2009.
6.
Stefan Luft, Staat und Migration. Zur Steuerbarkeit von Zuwanderung und Integration. Frankfurt: Campus 2009.
7.
Vgl. Rauf Ceylan, Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2006; Ralph Ghadban, Die Libanon-Flüchtlinge in Berlin. Zur Integration ethnischer Minderheiten. Berlin: Das Arabische Buch 2008.
8.
Vgl. Erkan Arikan / Murat Ham, Jung, erfolgreich, türkisch. Ein etwas anderes Porträt der Migranten in Deutschland. Gladbach: Ehrenwirth 2009.
© Merkur, Nr. 731, April 2010
Online Merkur
Dienstag, 6. April 2010
Integration – Eine zweite deutsche Einheit muss her
In Sachen Integration muss Einiges getan werden. Aufgeholt werden, was Jahrzehnte lang versäumt wurde. Und es müssen jetzt die gesetzlichen Grundlagen für eine forcierte Säkularisierung unserer Gesellschaft geschaffen werden, bevor es in Deutschland mehr Muslime als Christen gibt.
Integration – Eine zweite deutsche Einheit muss her
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Integration der Immigranten ist so wichtig wie nie zuvor. Claus Christian Malzahn fordert eine zweite deutsche Einheit. Er glaubt, dass eine bessere Bildung von Einwanderern und ein klares Bekenntnis zur Landessprache über die Zukunft der Republik entscheiden.
Die Deutschen schauen oft und gern zurück.. Hierzulande sind etwa 3000 wissenschaftliche Institutionen damit befasst, die Vergangenheit aufzuklären. Nur etwa ein halbes Dutzend beschäftigt sich mit wissenschaftlicher Zukunftsforschung, dazu kommen ein paar Stiftungen, die Trends nachjagen.
Wer den Fernseher einschaltet, wird massenhaft mit bewegten Bildern über den zweiten Weltkrieg (seit kurzem auch in Farbe), die Reformation (Luther im Spielfilmformat) oder die Varusschlacht (Arminius als erster Deutscher) bedient.
Über das, was unmittelbar vor uns liegen könnte, gibt es natürlich keine Bilder. Das alleine erklärt aber die bis in die Politik reichende Funkstille nicht, wenn es um Zukunftsfragen geht. Vielleicht haben wir einfach Angst davor, uns dem zu stellen, was offensichtlich an Problemen und Entwicklungen auf uns zu kommt. Auch deshalb wird die Republik wohl alle Jahre wieder von der Geschichte kalt erwischt: Durch die der 68er Revolte verschoben, zwei Dekaden später fiel die Mauer in Berlin – ein epochales Ereignis, mit dem die Ost-West-Experten am wenigsten gerechnet hatten. Und was kommt als Nächstes?
Der jüngste Disput zwischen dem türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zeigt, wo bald entscheidende Konfliktlinien verlaufen werden. Erdogan hatte am Rande von Merkels Staatsbesuches in der Türkei die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland gefordert. Merkel lehnte den Vorschlag deutlich ab. Einwanderer in Deutschland müssen in erster Linie Deutsch beherrschen. Denn es geht um die Integration der Einwanderer, nicht um den Ausbau von Parallelsystemen.
Erdogan mag innenpolitisch auf Reformkurs sein, wenn es um die im Ausland lebenden Türken geht, kennt er kein Pardon. „Assimilierung ist ein Verbrechen“ warnte der türkische Staatschef bei einem Auftritt in der Kölnarena vor zwei Jahren „seine“ Landsleute – ob die türkischsprachigen Zuhörer einen deutschen Pass besaßen, war ihm herzlich egal. Der Streit aus der vergangenen Woche ist deshalb symptomatisch. Er dreht sich nicht um diplomatische Missverständnisse, sondern um entscheidende Fragen: Zu wem gehören die Einwanderer in Deutschland? Wo liegen ihre politischen Loyalitäten? Wie provoziert man ihren Einstiegs- und Aufstiegswillen? Und nicht zuletzt: Wer gewinnt den Kampf um ihre Herzen?
Welche Konsequenzen aus dieser Diskussion gezogen werden, entscheidet nicht nur über die nächsten 20 Jahre, sondern über die Zukunft dieser Republik. Deutschland bildet inzwischen das wichtigste Einwanderungsland unter allen Industrieländern. Seit Jahrzehnten kommen mehr Zuwanderer ins Land als Babys zur Welt. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung betrug 1998 bereits 7,4 Millionen Menschen, neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Er wird bis 2050 auf bis zu etwa 19 Millionen Menschen ansteigen, dann fast 28 Prozent. Gleichzeitig bringen türkische Einwanderer, die mit Abstand größte Migrantengruppe, eine besonders schlechte Schulbildung mit.
Das muss sich in urdeutschem Interesse so schnell wie möglich ändern. Es spricht nicht viel dafür, dass sich die niedrige Geburtenquote in Deutschland auf absehbare Zeit erhöhen wird. Den jüngsten Impuls für einen saisonalen Geburtenanstieg gab denn auch nicht etwa die deutsche Politik, sondern die Nationalelf im Sommermärchen 2006. Doch die Hochstimmung nach dem 4:2-Sieg gegen Argentinien wird unsere demographischen Probleme nicht lösen.
Wir brauchen Einwanderer
Deutschland altert rasant, im Osten und Norden droht deutlicher Bevölkerungsrückgang bei gleichzeitigem Facharbeitermangel. Wir sind deshalb längst auf Einwanderung angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Forderung nach einer besseren Schulbildung türkischstämmiger Kinder und die Bildung einer in Deutschland beheimateten Migranten-Elite sollte die hiesige Politik deshalb nicht dem türkischen Premier überlassen. Jahrzehnte sind bereits vergeudet worden. Die Konservativen haben die Probleme ignoriert, weil sie nicht wahr haben wollten, was faktisch längst geschehen war: Deutschland hatte sich in ein Einwanderungsland verwandelt. Die politische Linke idealisierte diese Entwicklung, wich den Integrationsproblemen aus – und verlor sich in Debatten über doppelte Staatsbürgerschaften, die keinem Einwanderer zu besseren Noten verholfen haben.
Die deutsche Sprache bildet die Geschäftsgrundlage der Integration. In mehreren Berliner Problembezirken wollen Grundschulen künftig Klassen mit „Deutsch-Garantie“ anbieten, um Kinder aus Migrantenfamilien stärker zu fördern und gleichzeitig einer Abwanderung vorzubeugen. Diese Experimente im Klassenzimmer sind aus der Not von Pädagogen und Eltern geboren, die feststellen müssen, dass sich der Graben zwischen Lehrplan und Schülern nicht mehr überbrücken lässt. An ihrem Gelingen hängt nicht nur die Frage, ob künftig neben den Stefans und Sarahs mehr Sahins und Sedas Abitur machen werden. Sie entscheidet auch darüber, ob die Bundesrepublik in Zukunft in ethnische Bruchstücke zerfällt. Oder ob nach dem Zusammenwachsen von Ost und West das gelingt, was man eine zweite Einheit zwischen Einwanderern und Angestammten nennen könnte.
Dazu braucht es bei allen Beteiligten aber jene Courage, die letztlich auch zum Fall der Mauer führte. Vor zwanzig Jahren entstand in der DDR ein Bürgermut, der den real existierenden Fatalismus in Frage stellte und dann auch friedlich überwand. Die Ostdeutschen sagten laut und deutlich, was sie wollten – und nahmen dabei weder Rücksicht auf die herrschende Klasse in der DDR noch auf westdeutsche Entspannungspolitiker.
Auch heute ist diese Wahrhaftigkeit wieder gefragt. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Aber wie es sich entwickelt, darf nicht von anarchischen Zeitläufen oder zufälligen Geburtsentwicklungen abhängen. Wir müssen klären, wie wir leben wollen – und wie nicht. Wir schließt die Migranten ausdrücklich mit ein. Was uns trennt und verbindet, muss auf Deutsch geklärt werden. Das allein garantiert angesichts kultureller, politischer und religöser Differenzen noch keine intakte Einwanderungsgesellschaft auf der Grundlage unserer freiheitlichen Verfassung. Aber es wäre ein Angebot und ein Anfang.
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