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Freitag, 21. Mai 2010

Everybody Draw Mohammed Day 2010 - Ein erstes Fazit

Vorgestern, am 20.5.2010, war der erste sogenannte "Everybody Draw Mohammed Day", wahlweise auch mit Muhammad geschrieben, an dem zehntausende Internetnutzer den heiligen Propheten des Islam so malen sollten, wie sie ihn sich vorstellen. Jegliche Darstellung des Propheten ist im Islam strengstens untersagt und doch behaupten einige, da niemand mit Sicherheit sagen kann, wie Mohammed aussah, sei jede Zeichnung eine Mohammed-Karikatur. Doch alles der Reihe nach.


Eine der über 11.000 Karikaturen: Ein patriarchalischer Prophet, der schamlos Frauen versklavt.
Bei aller Unsensibilität gegenüber gläubigen Muslimen noch eine der harmloseren Darstellungen.


Die "South Park"-Zensur und ihre Folgen

Den Grundstein für diese außergewöhnliche Aktion legte Comedy Central. Wenige Wochen zuvor sollten die Jubiläumsfolgen 200 und 201 der Ulk-Cartoon-Serie South Park über die amerikanischen Bildschirme flimmern. Die Serie ist für ihren derben Humor bekannt und vor allem auch dafür, vor nichts und niemandem Respekt zu haben.
Die Jubiläumsdoppelfolge hat eine an sich nicht ernstnehmbare Handlung: Die Kinder identifizieren bei einem Schulausflug in South Parks Kuchenfabrik Hollywood Star und Ober-Scientologen Tom Cruise als einfachen Arbeiter am Fließband, der sich angegriffen fühlt als solcher bezeichnet zu werden. Nachdem er South Park mit Klagewellen droht, die der Stadt das finanzielle Rückgrat brechen, schmiedet er einen finsteren Plan: Als Schuldenerlass soll South Park den Propheten Mohammed fangen, damit Tom Cruise sich von ihm die Fähigkeit des Nicht-kritisiert-werden-könnens stehlen kann.

In den besagten South Park Episoden ging es folglich nicht um den Propheten an sich, sondern um das Abbildungsverbot und somit standen die Folgen in der Tradition der dänischen Karikaturen aus dem Jahre 2005, die in der islamischen Welt nach Instrumentalisierung und Indoktrination durch radikale Imame schwere Proteste mit über 100 Toten auslöste, in der sogar dänische und norwegische Botschaften in Flammen gesetzt wurden. Mehr zu den damaligen Geschehnissen hier.

Nachdem bekannt wurde, dass der Prophet Mohammed gezeigt werden sollte, erhielt Comedy Central von Drohungen von der Islamisten-Website revolutionmuslim. Die für ihre Radikalität bekannten Konvertiten, die diese Seite betreiben schickten "keine Drohung, aber eine Warnung", dass die South Park Macher Matt Parker und Trey Stone wie Theo van Gogh, der im November 2004 nach Veröffentlichung des mit Ayaan Hirsi Ali produzierten Filmes "Submission" brutal auf offener Strasse ermodert wurde, enden können, wenn sie den Propheten zeigen. In dem Schreiben veröffentlichte revolutionmuslim die Anschriften des Comedy Central Studios und einiger Mitarbeiter. Auch wenn dies eindeutig eine Morddrohung war, war alles so schwammig formuliert, dass rechtlich nicht gegen die Betreiber von revolutionmuslim vorgegangen werden konnte.
Comedy Central ließ sich von den Drohungen einschüchtern und zensierte die beiden "South Park"-Folgen eigenmächtig und gegen den Willen Parkers und Stones mit der Begründung der Sorge um das Wohl seine Mitarbeiter.

Auf das Einknicken des Senders vor der Extremisten folgte ein Sturm der Entrüstung. Ist es richtig, dass die religiösen Gefühle einer Glaubensgemeinschaft gewahrt werden müssen? Müssen die Bewohner der westlichen Hämisphere, die sich in jahrhundertelangen Kämpfen ihrer Rechte frei zu denken, frei zu forschen, frei ihre Gedanken zu verbreiten blutig gegenüber der katholischen Kirche erkämpfte, Rücksicht auf ein Kultursytem nehmen, welches seit Jahrhunderten in mittelalterlichen Dogmen gefesselt ist, unfähig sich von diesen zu befreien? Könnten die Karikaturen nicht vielleicht sogar ein Denkanstoß, eine Art "Zivilisationskatalysator" sein? Viele Internetnutzer sahen die elemantaren Rechte der freien Meinungsäußerung, der Kunst- und Pressefreiheit in Gefahr. In den Tumulten dieser frühen Tage wurde Revolutionmuslim gehackt und der geneigte Besucher auf eine Seite mit Kurt Westergaards berühmter Karikatur weitergeleitet. Gerüchte besagen, dass die Scherz-Community 4Chan dafür verantwortlich war.

Doch Widerstand regte sich auch von anderer Seite: Die aus Seattle stammende Karikaturistin Molly Norris entwarf ein Plakat (siehe unten), welches den 20. Mai 2010 zum "Everybody Draw Mohammed Day" erklärte. Die Idee hinter ihrem Cartoon war, dass radikale Islamisten niemals alle Internetnutzer bedrohen könnten, wenn diese koordiniert an einem Tag ihre Werke publizierten. Als Molly Norris die Konsequenzen dieser Aktion klar wurden, distanzierte sie sich rasch von dem Vorhaben, entschuldigte sich bei den Muslimen und erklärte den Tag für abgeblasen. Das Plakat an sich sei satirisch gemeint und niemals ein wirklicher Aufruf gewesen. Auch wenn ihr niemand zum Vorwurf machen kann, dass sie um ihr Leben fürchtete, fand die Idee regen Anklang und war nicht mehr aufzuhalten.



Es gründete sich eine Facebook-Seite zum "Everybody Draw Mohammed Day", die zuerst etwa 15.000 Anhänger hatte und am Tag des Events über 100.000 Anhänger erreichte. Die Aktion sprach sich schnell im Internet herum und wurde viral. So fanden sich bei unter anderem bei YouTube kontrovers diskutierte Plädoyers für die Teilnahme an der Aktion, die zur Verteidigung der westlichen Freiheit stilisiert wurde, was bei der aufgeheizten Situation nicht weiter verwunderlich war. Ein besonders gelungenes Exemplar gibt es hier zu sehen:



Der Angriff auf Lars Vilks

Für einen zusätzlichen Anheizer dürfte Mitte Mai der Angriff auf den schwedischen Karikaturenzeichner Lars Vilks gesorgt haben, der von einem Fundamentalistenmob auf einer Veranstaltung zum Thema "Die Grenzen der Meinungsfreiheit" der Universität Uppsala attackiert wurde. Gegen Vilks gibt es auf Grund seiner Zeichnung, die Mohammed mit Hundekörper auf einem Kreisverkehr zeigt, seit Jahren Morddrohungen. Unmittelbar nach den Geschehnissen des Vortrages wurde Vilks Haus mit Brandsätzen beschädigt. Die Täter sind verdächtigt zwei 19 und 20 Jahre alte Kosovaren zu sein, von denen sich einer beim Anschlag selbst so schwere Brandverletzungen zu zog, dass er ein Krankenhaus aufsuchen musste, in dem er direkt von der Polizei verhaftet wurde.

Reaktionen der muslimischen Welt

Bei vielen Muslimen löste das Bekanntwerden der Aktion Unverständnis und Empörung aus. Die Reaktionen reichten von Kopfschütteln bis Morddrohungen gegen die Karikaturisten, die angesichts der Masse von Zeichnern allerdings als unmöglich gelten. Auf Facebook, das unfreiwilligerweise zum Werkzeug und Hauptquartier der Karikaturisten wurde, bildeten sich mehrere Gegengruppen, die ein Verbot und eine Abschaffung der "Everybody Draw Mohammed"-Gruppe forderten. Diese Gruppen erreichten teilweise eine ähnlich hohe Mitgliederanzahl wie die Aktionsgruppe selbst.

Das islamische Land Pakistan sperrte sogar von Staatswegen Facebook, später auch YouTube und 450 andere Seiten, denen vorgeworfen wurde "gotteslästerliche Inhalte" bereitzustellen. Pakistan setzte Facebook massiv unter Druck und drohte damit, die Sperrung frühestes aufzuheben, wenn diese die "Everybody Draw Mohammed"-Gruppe löschten.

Der Aktionstag an sich war ein voller Erfolg für die Karikaturenbewegung. Es wurden weit über 11.000 Karikaturen eingestellt, bei denen von einem bloßen Portrait eines bärtigen Mannes mit Turban (der beliebteste Mohammed-Stereotyp) bis zu beleidigenden Bildern, die Mohammed beim Analverkehr mit Schweinen oder Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden zeigen, alles vorhanden war. Diese als gezielte Provokation verstandene Aktion trug fruchtbare Ergebnisse im Internet: In vielen größeren Foren wurde von den Nutzern darüber diskutiert, ob die im Islam verbotene Darstellung des Propheten verwerflich ist oder im Jahre 2010 unproblematisch sein sollte. Jeder, schien eine Meinung zu den Vorgängen zu haben, was allein schon als Erfolg gesehen werden muss.

Facebooks Dolchstoß

In der muslimischen Welt wurde auf Grund der Proteste wieder von Tausenden aufgebrachten Muslimen demonstriert und westliche Flaggen verbrannt. "Der Westen" wurde wie schon 2005 für diese unglaubliche Provokation verteufelt und Einschüchterungsversuche gestartet. Das unten eingefügte Video zeigt die Geschehnisse in Pakisten. Junge, offensichtlich schlecht gebildete Muslime protestieren in religiösem Eifer gegen die Heresie gegenüber dem Propheten. Die Menschen dort sind der festen Überzeugung, es würde einen Unterschied machen, ob ihr heiliger Prophet gezeichnet oder nicht. Einer der Geistlichen schwört seine jungen Schüler sogar schon darauf ein, dass diese sich später für den Propheten im Kampf gegen den Westen und die freie Meinungsäußerung opfern müssten - was zweifelsohne ein Skandal mit barbarischem Anstrich ist.

Klicken für "Protests in Pakistan as Facebook anger grows"



In der Nacht auf den 21. 5. kam dann das Unvorstellbare, wenn ich nicht Unvorhersehbare. Facebook löschte die Gruppe des "Everybody Draw Mohammed Day" und stellte sich somit in eine Reihe mit Comedy Central. Der Islamismus hat durch sein lautes Schreien wieder einmal über die Meinungs- und Kunstfreiheit gesiegt. Wahrscheinlicher scheint aber der ökonomische Verlust in Pakistan zu sein, den Facebook durch die Sperrung verzeichnen dürfte. Facebook sieht es also so, dass Meinungsfreiheit dort aufhört, wo Geld Verdienen beginnt.

Und was hat es gebracht?

Der "Everybody Draw Muhammad Day" hat das Internet (und damit die Weltgemeinschaft) bewegt. Der ewige Kampf zwischen Demokratie und Theokratie, der das bestimmende Thema dieses Jahrhunderts ist, ging damit in eine neue Runde: Die Karikaturen-Aktion polarisierte, verursachte quer über die Welt Diskussionen und trieb allein dadurch schon die geistige Vorbereitung der islamischen Welt für Säkularisierung voran. Facebooks unglückliche Entscheidung kleinbei zu geben, dürfte auch seine positiven Seiten haben: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Tag sich jährlich wiederholen wird und die Aktivisten werden sich eine neue Zentrale suchen, die sich nicht so einfach abstellen lässt. Freidenkende Menschen werden auch in Zukunft einen Rückfall in vormoderne Gesellschaftsstadien zu verhindern wissen, in dem sie sich nicht von religiösen Fanatikern das Wort verbieten lassen, die "ohnehin nicht mehr können als sich mit Dreck zu bewerfen und im Kreis zu stampfen", wie es ein Aktivist ausdrückte.
Der Everybody Draw Mohammed Day 2010: So provozierend, so kontrovers, so nötig.

subjektivekommentare.blogspot.com am 22.5.2010

Update (24.5.2010): Scheint als wäre Facebook nicht für die Löschung der Gruppe verantwortlich gewesen. Die Gruppe ist wieder hergestellt:

This page
was removed two days ago, after one of our moderators had his email and skype
hacked. His personal data was revealed. He then got scared and deleted the
...page, the blog and the emails. The rest of us, are now back without him after
he backed out. This is another scare tactic from the Islamic
extremists. We won't fall.

A great big thank you to the facebook-gang for restoring the page. A great big thank you to all freedom lovers out there. Now we have new persons to handle the media and we will soon release some info about the past few days. And to all of you: One can never beat freedom of speech, opinion and idividuality, because they are all basic human rights.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Angriff auf Mohammed-Karikaturist Lars Vilks



Angriff auf Mohammed-Karikaturist
"Er schlug mir ins Gesicht"


Sie reckten die Faust in die Luft und schrien "Allah ist groß": Dem Angriff auf Mohammed-Karikaturist Lars Vilks folgten Tumulte im Vorlesungssaal der Universität von Uppsala. Die Sicherheitskräfte mussten Pfefferspray einsetzen.

Stockholm - Der Angriff kam unerwartet: Auf der großen Leinwand im Hintergrund lief noch die Präsentation, als plötzlich ein Mann aus der ersten Reihe aufsprang und sich auf den Mohammed-Karikaturisten stürzte. "Er schlug mir ins Gesicht, und ich verlor meine Brille", sagte Lars Vilks der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Auch einen Kopfstoß habe er erlitten.

Im Saal brachen nach der Attacke Tumulte aus. Weitere Männer versuchten, zu dem schwedischen Künstler vorzudringen. Die Polizei eskortierte Vilks schnell aus dem Saal. Menschen schrien "Allah ist groß" und reckten die Faust in die Luft. Die Polizisten hatten Mühe, das Publikum zu beruhigen, in einzelnen Fällen mussten sie Pfefferspray einsetzen. Die Sicherheitskräfte räumten schließlich den Saal und nahmen zwei Männer fest.

Vilks hatte 2007 in der schwedischen Zeitung "Nerikes Allehanda" eine Zeichnung veröffentlicht, die Mohammed als riesiges Hundedenkmal in der Mitte eines Kreisverkehrs zeigte. Seitdem erhielt der Künstler mehrfach Morddrohungen. Die islamische Terrororganisation Al-Qaida setzte ein Kopfgeld aus - sowohl auf Vilks als auch auf Ulf Johansson, den Chefredakteur der Zeitung.

In den USA sitzt seit September 2009 eine als "Dschihad Jane" bekannt gewordene Islamistin in Haft, weil sie die Ermordung Vilks geplant haben soll. Körperlich angegriffen wurde der Schwede bislang allerdings nicht. Ganz im Gegensatz zu seinem dänischen Kollegen Kurt Westergaard, der 2005 mit seinen Mohammed-Karikaturen für die Zeitung "Jyllands Posten" große Proteste in der arabischen Welt ausgelöst hatte.

Vilks war sich seiner Gefährdung bewusst

Am Neujahrstag überfiel ein 28-jähriger Somalier mit Verbindungen zu Al-Qaida den Karikaturisten in dessen Haus mit einer Axt. Westergaard konnte sich gerade noch in einen Sicherheitsraum retten.

Auch Vilks war sich seiner Gefährdung durchaus bewusst. Erst im März wurden in Irland sieben Verdächtige festgenommen, die einen Mordkomplott gegen den Künstler ausgeheckt hatten. Die Vermutung, dass es sich um die Mitverschwörer von "Dschihad Jane" handelte, ist naheliegend.

Die Attacke während der Vorlesung an der Universität von Uppsala konnten allerdings auch zahlreiche Sicherheitskräfte nicht verhindern. Schon vor Beginn des Vortrags soll Vilks von einigen der rund 250 Zuhörer bepöbelt worden sein. Das Thema der Vorlesung lautete: die Grenzen der Redefreiheit.

Spiegel Online

Sonntag, 3. Januar 2010

Angriff auf Kurt Westergaard


Es gab einen versuchten Mord an Kurt Westergaard. Westergaard hat 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands Posten eine von mehreren Karikaturen (s. oben) über den Propheten Mohammed veröffentlicht, der Anhänger des Islams heilig ist. Deshalb gab es brutale und barbarische Demonstrationen in der islamischen Welt, in der auch dänische Botschaften gestürmt wurden. Das wäre vor nicht allzulanger Zeit noch Grund für einen Krieg gewesen. Kurt Westergaard lebt seitdem unter Polizeischutz, da er noch immer von fundamentalistischen Muslimen bedroht wird.
Die Frage ist, wie weit Sympathien für solche Mordanschläge in der islamisch-stämmigen Bevölkerung in Europa und in den islamischen Ländern vorhanden sind. Es sollte keinen Generalverdacht geben, aber es kommt ja auch keine offizielle Distanzierung zu fundamentalistischer Gewalt von Muslim-Verbänden. Aber schaut man sich den Iran an, dann sieht man, dass es sehr wohl säkular denkende Muslime gibt. Es ist an der Zeit für eine Distanzierung.



Und hier noch ein auf Spiegel Online veröffentlichter Artikel von Henryk M. Broder, dem ich nur beipflichten kann:

Im Mauseloch der Angst

Von Henryk M. Broder

Das Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht.


Im Jahre 1988 erschien Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse" in der amerikanischen Originalausgabe. Worauf der iranische Staats- und Revolutionsführer, Ajatollah Chomeini, eine "Fatwa" gegen Rushdie erklärte und ein hohes Kopfgeld für dessen Ermordung auslobte. Es kam zu mehreren Anschlägen auf die Übersetzer und Verleger des Romans, wobei der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi ums Leben kam. Millionen von Muslimen in aller Welt, die keine Zeile des Buches gelesen und den Namen Salman Rushdie noch nie gehört hatten, wollten das Todesurteil gegen den Autor vollstreckt sehen, je schneller, desto besser, um mit seinem Blut die beschmutzte Ehre des Propheten wieder reinzuwaschen.

In dieser Atmosphäre traute sich kein deutscher Verlag, Rushdies Buch zu publizieren. Worauf einige Schriftsteller, unter ihnen Günter Grass, die Initiative ergriffen, damit Rushdies Roman in Deutschland erscheinen konnte - in einem Verlag, der ausschließlich zu diesem Zweck gegründet wurde. Er hieß ARTIKEL 19 - wie der Paragraf der Europäischen Menschenrechtskonvention, der das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert - und war ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem Dutzende von Verlagen, Organisationen und Einzelpersonen beteiligt waren, darunter Bertelsmann, Fischer, Hoffmann & Campe, Suhrkamp und Wagenbach, der Verband deutscher Schriftsteller und das PEN-Zentrum der Bundesrepublik, Norbert Blüm und Oskar Lafontaine, Hans Magnus Enzensberger und Klaus Staeck, Frank Schirrmacher und Roger Willemsen. Es war die breiteste Koalition, die je in der Bundesrepublik zustande gekommen war.

Verständnis für die verletzten Gefühle der Muslime

17 Jahre später, nachdem die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" auf einer Seite ein Dutzend Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, kam es in der islamischen Welt zu ähnlichen Reaktionen: Millionen Muslime zwischen London und Jakarta, die keine der Karikaturen gesehen oder auch nur den Namen der Zeitung je gehört hatten, demonstrierten gegen die Beleidigung des Propheten und verlangten die angemessene Bestrafung der Übeltäter: mit dem Tode. Osama bin Laden ging so weit, die Auslieferung der Zeichner zu verlangen, um sie von einem islamischen Gericht aburteilen zu lassen.

Doch anders als im Falle von Rushdie solidarisierte sich diesmal kaum jemand mit den bedrohten dänischen Karikaturisten. Im Gegenteil. Günter Grass, der die ARTIKEL-19-Aktion angestoßen hatte, äußerte sein Verständnis für die verletzten Gefühle der Muslime und die daraus resultierenden gewalttätigen Reaktionen; diese seien, so Grass, eine "fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat", womit er eine Äquidistanz zwischen den zwölf Karikaturen und den Mordaufrufen auf die Karikaturisten herstellte. Bei der Gelegenheit wurde Grass auch grundsätzlich: "Wir haben das Recht verloren, unter dem Dach auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen."

Der damalige britische Innenminister Jack Straw nannte die Veröffentlichung der Karikaturen "unnötig, unsensibel, respektlos und falsch". Der "Vorwärts", das Organ der SPD, verteidigte die Meinungsfreiheit im Allgemeinen, meinte aber, in diesem speziellen Fall würden die Dänen die Freiheit "missbrauchen, nicht im rechtlichen, aber im politischen-moralischen Sinne". Fritz Kuhn, 1955 geboren, hatte ein Déjà-vu: "Mich haben sie (die Karikaturen) an die antijüdischen Zeichnungen in der Hitler-Zeit vor 1939 erinnert." Womit der damalige Fraktionschef der Grünen bewies, dass er entweder ein sensationelles pränatales Gedächtnis oder noch keine einzige antisemitische Karikatur aus dem "Stürmer" gesehen hat.

Als würden Eunuchen über Sex reden

Es war, als würden Blinde über Kunst, Taube über Musik und Eunuchen über Sex diskutieren - vom Hörensagen, denn abgesehen von "taz", "Welt" und "Zeit" waren alle deutschen Zeitungen und Magazine der Empfehlung von Claudia Roth gefolgt - "Deeskalation beginnt zu Hause" - und hatten auf einen Abdruck der Karikaturen vorsorglich verzichtet. So wie es auch der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter geraten hatte: "Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen..." Wobei Richter offen ließ, ob "der Westen" auch das Tragen von Miniröcken, den Genuss von Schweinefleisch und die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unterlassen sollte, um keine Gefühle von Erniedrigung und Demütigung in der islamischen Welt hervorzurufen.

Wären die Mohammed-Karikaturen flächendeckend in der deutschen Presse nachgedruckt worden, hätten die Zeitungsleser sich selbst ein Bild machen können, wie exzessiv harmlos die zwölf Zeichnungen waren und wie bizarr und gegenstandslos die ganze Debatte, statt die Beurteilung "Experten" zu überlassen, die jede Kritik am Papst und der Kirche, jede blasphemische Kunstaktion im Namen der Meinungsfreiheit verteidigen, im Falle der Mohammed-Karikaturen allerdings plötzlich der Ansicht waren, man müsse auf religiöse Gefühle anderer Menschen Rücksicht nehmen.

Das freilich war nur eine Ausrede, eine Art Mauseloch der Angst. Denn zwischen der Rushdie-Affäre und dem Karikaturen-Debakel war einiges passiert: 9/11, die Anschläge von London, Madrid, Bali, Jakarta, Djerba, die von manchen Kommentatoren ebenfalls als Ausdruck der Erniedrigung und Demütigung der islamischen Welt durch den Westen interpretiert wurden. Vor dieser Drohkulisse schien es vernünftiger und vor allem sicherer, "Respekt" vor religiösen Gefühlen zu bekunden als auf dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu bestehen.

Das Recht zu beleidigen ist wichtiger als der Schutz vor Beleidigung

Und es waren nur wenige, die aus der Reihe tanzten, der britische Komiker Rowan Atkinson ("Mr. Bean") erklärte, "das Recht zu beleidigen" sei "sehr viel wichtiger, als das Recht, nicht beleidigt zu werden", die aus Somalia stammende und damals in Holland lebende säkulare Muslimin Ayaan Hirsi Ali schrieb ein Manifest, das mit den Worten begann: "I am here to defend the right to offend."

Aber das waren Ausnahmen. Sogar der damalige französische Präsident, Jacques Chirac, vergaß vorübergehend, dass er die "Grande Nation" vertritt, zu der auch Sartre, Voltaire und Victor Hugo gehören, und dekretierte, dass "alles, was den Glauben anderer, zumal den religiösen Glauben, beleidigen könnte, vermieden werden muss".

So begann die geforderte "Deeskalation" nicht nur "zu Hause", sie endete auch vor der eigenen Haustür. Denn die andere Seite denkt nicht daran zu deeskalieren. Die Fatwa gegen Salman Rushdie ist immer noch in Kraft, der Mordanschlag gegen Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, ein Todesurteil zu vollstrecken, dem keine Straftat zugrunde liegt. Der Islam mag in der Theorie eine "Religion des Friedens" sein, die Praxis sieht anders aus.

Mitten in Berlin lebt eine deutsch-türkische Rechtsanwältin, die vor kurzem abtauchen musste, weil sie mit Morddrohungen überzogen wurde, nachdem sie ein Buch veröffentlicht hatte. Es enthält keine einzige Mohammed-Karikatur, allein der Titel ist eine Provokation, die ans Eingemachte geht: "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution"